


SKM - Katholischer Verein für soziale Dienste in Lingen e.V.
Lindenstr. 13, 49808 Lingen (Ems)
Gabriele Krings - Krötenwerkstatt
Psychologische Beraterin, Bankkauffrau
René Lercher- KriSta (Pädagogische Geldverwaltung)
Dipl. I Soz.-Wiss.
In Deutschland sind nach Angaben der Creditreform 6,19 Millionen Erwachsene überschuldet.[1] Allein 1,21 Millionen Bürgerinnen und Bürger zwischen 20 und 29 Jahren sind bereits zahlungsunfähig.[2] Der Bielefelder Jugendforscher Elmar Lange schätzt die Zahl der jungen Menschen mit Schulden zwischen 15 und 20 Jahren auf 850.000.[3] Diese Zahlen sind erschreckend und machen die Dimension von Überschuldung in unserer Gesellschaft deutlich.
Gerade junge Menschen sind aufgrund ihrer noch nicht abgeschlossenen Persönlichkeitsentwicklung und wegen Defiziten im Bereich der Finanzkompetenz leicht verführbar und geraten somit in Gefahr, ihre eigenen finanziellen Möglichkeiten zu überschätzen. Sie tappen leichter in Vertrags-, Kredit- oder Internetfallen, aus denen sie sich ohne fremde Hilfe nicht befreien können. Sie lesen nicht das „Kleingedruckte“ und reagieren bei Zahlungsproblemen falsch oder gar nicht. Eine Schuldenkarriere beginnt deshalb häufig bereits in jungen Jahren. Die Folgen von Überschuldung können an den wirtschaftlichen, sozialen und psychischen Schäden bei den Betroffenen abgelesen werden und führen gleichzeitig zu hohen Folgekosten für die öffentlichen Haushalte.
Die Zahl der Schuldnerinnen und Schuldner stieg in den letzten Jahren kontinuierlich an. Um diese Entwicklung zu stoppen, so sind sich alle Experten einig, muss auf breiter Front frühzeitig eine „Überschuldungsvorsorge“ erfolgen.
Die Präventionsarbeit ist kein Aufgabenbereich, der im Rahmen der regulären Schuldner- und Insolvenzberatung abgedeckt werden kann. Die Schuldnerberatung legt ihren Fokus eindeutig auf die Schuldenregulierung bei Erwachsenen. Hohe Fallzahlen und lange Wartezeiten bei den einzelnen Beratungsstellen lassen keine Spielräume für eine fundierte und qualifizierte Präventionsarbeit bei jungen Menschen.
Der SKM hat deshalb das Projekt „Jugend, Geld und Konsum“ entwickelt, um junge Menschen
frühzeitig grundlegende Kenntnisse zum Thema Geld und Finanzdienstleistungen zu vermitteln
im eigenverantwortlichen Umgang mit Geld zu stärken
über Gefahren und Risiken im Themenfeld Geld und Konsum aufzuklären
für eine vorausschauende Lebenshaltung zu sensibilisieren
vor Schuldenfallen oder einer Überschuldung zu schützen
bei Bedarf intensiv zu begleiten, um konkret drohende existenzielle Notlagen abzuwenden
Das Projekt besteht aus jeweils zwei eigenständigen Teilen. Mit der „Krötenwerkstatt“ wurde ein gruppenorientiertes Präventionsangebot für Schüler und Auszubildende eingerichtet. Die Gruppenarbeit erfordert eine eigene pädagogische und didaktische Kompetenz. Darüber hinaus werden Eltern und Lehrer als Multiplikatoren angesprochen.
Das zweite Teilprojekt KriSta (Krisen überwinden – Stabilität finden) startete ursprünglich unter dem Arbeitstitel „Pädagogische Geldverwaltung“. Im Gegensatz zur „Krötenwerkstatt“ handelt es sich hierbei um einzelfallorientiertes Präventionstraining, für das ausreichende Ressourcen für regelmäßige Gespräche und lebenspraktische Hilfen zur Verfügung stehen müssen. Die persönliche Beratung und das Coaching stehen im Vordergrund. Die Zielgruppe bilden junge Menschen bis 25 Jahren, die von anderen Beratungsdiensten oder dem Jugendamt vermittelt werden.
Die „Krötenwerkstatt“ richtet sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 8 bis 10 an Haupt-, Real- und Förderschulen. Eine weitere Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene, die nach Beendigung der Schulzeit noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben und sich in einer Berufsvorbereitungsmaßnahme befinden.
Mit dem Startschuss des Projektes im Februar 2009 wurden 18 Schulen in Lingen und im südlichen Landkreis angeschrieben und über die Projektarbeit informiert.
Für die Schüler werden altersgerechte Unterrichtsmodule verwendet. Der Einsatz erfolgt praxisnah und interaktiv. Die Module werden der jeweiligen Schulform angepasst und mit dem verantwortlichen Lehrer abgestimmt. Der Unterricht erfolgt entweder in zwei- oder mehrstündigen Einheiten oder im Rahmen von Projekttagen.
Folgende „Unterrichtspakete“ können eingesetzt werden:
Handy und Internet
Taschengeld
Wünsche, Träume und Lebensziele
Marken, Werbung und Konsum
Bankgeschäfte
Auskommen mit dem Einkommen
Verschuldung und Überschuldung
Führerschein und Auto
Seit Ende Februar 2009 wurden an der Friedensschule, der Gebrüder-Grimm-Schule, der Gesamtschule Emsland und der Pestalozzischule in Lingen sowie weiteren 6 Schulen im südlichen Landkreis und bei 3 Bildungsträgern Unterrichtsveranstaltungen durchgeführt. Bislang konnten bereits 978 SchülerInnen und Schüler erreicht werden.
Neben der Zielgruppe der Schüler werden Informationen über das Projekt und Inhalte Lehrern und Multiplikatoren angeboten. So erfolgte eine Teilnahme an Gesamtkonferenzen und Dienstbesprechungen bei den kooperierenden Schulen sowie die Vorstellung der Arbeit in verschiedenen Arbeitskreisen von Mitarbeitern sozialer Dienste.
Drittes Standbein der Krötenwerkstatt bildet die Elternarbeit. Eltern sollen über Elternbriefe und Elternabende in der Schule erreicht werden. Außerdem fand eine erste offene Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule zum Thema „Wie ich meinem Kind helfen kann, verantwortlich mit Geld umzugehen“ statt.
Ebenfalls im Februar 2009 ging die Internetseite www.krötenwerkstatt.de ans Netz, die altersgerechte und alltagstaugliche Tipps und Informationen für Jugendliche enthält, die direkt und zu allen Tageszeiten abgerufen werden können.
Im Rahmen von KriSta sind ein- bis zweiwöchentliche Beratungstermine über einen Zeitraum von einem Jahr vorgesehen. Am Beginn der Maßnahme wird ein Betreuungsvertrag abgeschlossen. Zu den Beratungsinstrumenten zählen die Budgetberatung, die existenzsichernde und psychosoziale Beratung, die Geldverwaltung und die Ausstiegsberatung aus Arbeitslosigkeit oder Abhängigkeit von Sozialleistungen.
Insgesamt nutzten bisher 29 Personen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren das Angebot des Teilprojektes. Die Klienten wurden vornehmlich durch Beratungsdienste, die Jugendgerichtshilfe oder Berufsschulen vermittelt. Das Durchschnittsalter lag bei 21 Jahren. 12 Teilnehmer waren männlich und 17 weiblich. 83 % lebten in eigener Wohnung.
Im Laufe des Projektes zeigte es sich, dass die Teilnehmer häufig keine geordnete Tagesstruktur oder einen geregelten Lebenswandel kennen. Sie handeln häufig nach aktuellen Bedürfnissen und aufgrund von Gefühlslagen spontan und unüberlegt, so dass Termine nicht eingehalten, Fristen versäumt und Käufe nicht bezahlt werden können. Für die konsequente Unterstützung durch die Mitarbeiter erhalten sie zum einen Aufmerksamkeit aber sie werden auch an Regeln gewöhnt und lernen Strategien und eignen sich Wissen an, um sich selbst im „normalen Leben“ besser behaupten zu können. Ingesamt war die Zusammenarbeit mit den weiblichen Teilnehmern einfacher, die sich als zuverlässiger und aufnahmebereiter erwiesen.
Folgende Ergebnisse konnten bisher erzielt werde:
Bei 52 % konnten die Zahlungsverpflichtungen verringert werden
Bei 45 % konnten die Ausgaben reduziert und der notwendige Lebensunterhalt sichergestellt werden
24 % haben gelernt, monatliche Rücklagen zu bilden
Bei 21 % verbesserten sich die Einkünfte nachhaltig
Um die Ergebnisse transparent und messbar zu machen, wird eine Evaluation in Zusammenarbeit mit Professor Steinkamp von der Fachhochschule Osnabrück und Frau Bloem von der Berufsakademie Lingen durchgeführt. Die ersten Ergebnisse nach Auswertung von Fragebögen der Krötenwerkstatt liegen bereits vor. Schüler und Lehrer sind mit den schulischen Veranstaltungen sehr zufrieden und wünschen sich eine Fortsetzung. Die Schüler nehmen die Inhalte auf und sprechen auch mit ihren Eltern und Freunden darüber.
Die Krötenwerkstatt will sich neben der Arbeit mit Schülern künftig auch der Elternarbeit und verstärkt der Multiplikatorenarbeit widmen. Es sollen noch weitere Schulen von dem Angebot Gebrauch machen. Durch den wiederholten Einsatz im folgenden Schuljahr sollen Inhalte vertieft und ergänzt werden.
KriSta bietet eine deutschlandweit völlig neue Ansatzmöglichkeit individueller Präventionsarbeit in Verbindung mit Existenzsicherung und der Vermittlung persönlicher Perspektiven. Diese Besonderheit gilt es, herauszustellen und einer verstärkten Nutzung zuzuführen. Ziel ist es, dass sich aus dem Projekt ein auf Dauer angelegter Präventionsdienst entwickelt, der auch auf festen finanziellen Beinen steht.
Lingen, 30.06.2010/Zapf

